St. Moritz - Sanierung und Neugestaltung

Theologisches Raumkonzept

zurück

Die Neugestaltung von St. Moritz in Augsburg -
eine theologische Grundlage

von Helmut Haug
© 2011 moritzkirche Augsburg
Stand September 2011

Hätte es denn nicht genügt, einige Eimer weißer Farbe zu nehmen und der Kirche einen neuen Anstrich zu geben? So fragen sich womöglich manche, die noch den vollkommen verrußten Kirchenraum von St. Moritz vor Augen haben.
Genügt hätte es vielleicht schon. Angesichts der Tatsache, dass die Christen einige Jahrhunderte überhaupt keine spezifischen Gottesdiensträume besaßen, könnte man ohne weites behaupten, dass prinzipiell an jedem Ort Eucharistie gefeiert werden kann - sofern wenigstens “zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind”, das Wort Gottes hören und miteinander das Brot brechen.
Wir können aber die Zeit nicht so einfach auf den Ursprung zurück drehen. Der Kirchenraum als solcher hat eine lange und reiche Geschichte - wie auch die Liturgie und das Selbstverständnis von Gemeinde.
So ist ein Kirchenbau in unseren Breiten in der Regel eben nicht nur Versammlungsort der christlichen Gottesdienstgemeinde, sondern auch wichtiger Zeuge einer zutiefst spirituellen menschlichen Erfahrung; der Erfahrung von Gottes Gegenwart mitten im menschlichen Leben.
Für St. Moritz lässt sich das beispielhaft belegen. Mit ihrer nun beinahe 1000-jährigen Geschichte ist diese Kirche ein Zeichen für eine Wirklichkeit, die dem Menschen zwar immer ganz fremd und doch auch zutiefst vertraut ist - früher wie heute. Sich dieser Wirklichkeit anzunähern, hat jede Zeit ihre eigene Sprache. Der Kirchenraum von St. Moritz ist angefüllt mit Texten und Worten dieser Sprachen vergangener Zeiten. Immer wieder wurde interpretiert, überschrieben, Altes neu ausgesprochen und Neues dazu erzählt. Im Grunde aber hat der konkrete Bau eine unveränderliche Aussage. Um diese Aussage geht es bei der Neuinterpretation des Kirchenraumes durch das Büro John Pawson zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Wir tragen eine Verantwortung für einen der ältesten Kirchenbauten Augsburgs. Die Neugestaltung von St. Moritz ist Respekt vor der komplexen Vergangenheit, aber auch Bekenntnis für die Zukunft der Kirche.

Grundstruktur des Baus

St. Moritz ist eine mittelalterliche Wegekirche. Als dreischiffige romanische Basilika mit später hinzugefügtem, hohem gotischen Chor ist der Bau radikal nach Osten ausgerichtet.
Man betritt die Kirche von Westen her kommend und erfährt einen hohen und schmalen Raum, der einen klaren Weg vorgibt. Der Raum hat im Osten verschiedene Abschlüsse, denen zentrale Bedeutung zukommt. Diese einfache Grundstruktur soll bei der Neugestaltung herausgearbeitet und betont werden.
Dazu werden folgende Maßnahmen durchgeführt:
- Die Kirche soll vom Westen durch das bisher meist verschlossene Hauptportal betreten werden. Nebeneingänge werden entweder geschlossen oder als Notausgänge neu definiert.
- Ein Hauptaugenmerk liegt auf der Gestaltung des Chores mit der Apsis, sowie auf den anderen östlichen Abschlüssen des Raumes. Unter der ersten Kuppel nach der Apsis werden die Kirchenbesucher auf einer großen Treppenanlage stehend eine Figur des berühmten Augsburg Bildhauers aus dem 17. Jahrhundert, Georg Petel, wahrnehmen. Theologisch betrachtet ist es die bedeutendste aus dem reichen, noch erhaltenen Skulpturenschatz von St. Moritz. Sie stellt Christus als den auferstandenen und wiederkommenden Salvator (Heiland) dar, der mit einer geradezu atemberaubenden Dynamik vom Ende der Treppe den Menschen mit offenen Armen entgegen kommt. Ein Bild des entgegenkommenden Gottes im umfassenden Sinn! Hinter dieser großartigen Darstellung aber öffnet sich die Apsis als reiner Lichtraum - ein Hinweis auf das nicht darstellbare und unaussprechliche Geheimnis Gottes, dessen dreifaltiges Wesen allenfalls durch die wahrnehmbaren großen Fenster der Apsis symbolisiert sein könnte, welches jedoch in Jesus Christus, dem Menschensohn, konkret erfahrbar wird. Letztlich ist dies eine Neuinterpretation des ehemaligen Hochaltares.
Daneben werden auch der Abschluss des nördlichen Seitenschiffes, sowie der Abschluss der so genannten Langenmantelkapelle im südlichen Seitenschiff in das Konzept miteinbezogen. In diesen werden nämlich das große Kreuz und die Silbermadonna aus dem Kirchenschatz von St. Moritz ihren Platz finden. Es entstehen die Kreuz- und die Marienkapelle, die zur persönlichen Andacht einladen. 

Der Gottesdienstraum

Das Hauptschiff der alten Basilika ist der Ort für die Eucharistie feiernde Gemeinde. Deshalb wird die Altarinsel aus dem Chorbogen herausgenommen und in das Mittelschiff der Kirche verlagert. Der Altar bildet damit den zentralen Fixpunkt vor dem Aufgang in den Chor und rückt zugleich näher an die Gemeinde.
Die Eucharistiefeier versammelt das pilgernde Gottesvolk auf seinem Weg durch die Zeit und erinnert an die großen Heilstaten Gottes.
Wird kein Gottesdienst gefeiert, ist der große, leere Altarblock Anhaltspunkt, sowie Zeichen des Wartens und er Sehnsucht des Menschen nach geistlicher Speise und Stärkung auf seinem Lebensweg.

Räume für die Feier der Sakramente

Das katholische Leben ist geprägt von der Feier der Sakramente, die ein einem inneren, geistlichen Verhältnis aufeinander bezogen sind. Einmalig oder auch immer wieder aufs Neue empfangen bereichern sie das Leben der Glaubenden und lassen den Menschen die liebende Zuwendung Gottes verspüren. So gibt es auch im Kirchenraum neben dem Altar als Zentrum für die Eucharistie weitere Orte für den Empfang der Sakramente.

Taufkapelle

Die Taufe ist der Eingang in das christliche Leben. Taufkapellen oder Baptisterien sind deshalb in der Tradition oft dem eigentlichen Kirchenraum vorgelagert oder aber im Eingangsbereich platziert. In der Neugestaltung von St. Moritz wird das Baptisterium, das beim Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg eingerichtet wurde, wieder als solches genutzt. Es ist vom Vorraum aus zugänglich und beherbergt neben dem Taufstein die Osterkerze, die Heiligen Öle für Taufe, Firmung und Krankensalbung, sowie einen Brunnen für das Weihwasser. Der Durchgang vom Baptisterium in das nördliche Seitenschiff wird wieder geöffnet.

Beichtraum

Ebenfalls vom Vorraum aus erreichbar, gegenüber der Taufkapelle wird ein neuer Raum geschaffen, in dem der Beichtstuhl und ein Raum zum Seelsorgegespräch vorgesehen sind.

Bevor der Mensch die Eucharistie feiert, erfährt bzw. erinnert er die grundsätzliche Vergebungsbereitschaft Gottes und dessen bedingungslose Annahme des Menschen - verdeutlicht in den beiden Sakramenten der Taufe und der Buße. Dies ist der eigentliche “Vorraum” der Glaubensgemeinschaft.

Begegnung mit den Heiligen

Zu einer katholischen Kirche gehört die Begegnung mit Menschen, die im Glauben vorausgegangen sind und in ihrem Leben auf je eigene Art und Weise Christus vorbildlich nachgefolgt sind. In St. Moritz sind dies die Heiligen, die dort seit Jahrhunderten verehrt werden und von denen kunsthistorisch bedeutende Bildwerke Zeugnis geben. Sie erhalten im neu gestalteten Kirchenraum einen stimmigen und dem theologischen Gesamtkonzept angemessenen Ort.
Neben der Gottesmutter Maria, dem Heiligen Antonius, des Heiligen Christophorus und des Heiligen Sebastian sind es vor allem die Apostel, die in St. Moritz eine große Bedeutung haben. Von dem insgesamt 14 Figuren umfassenden Zyklus E. B. Bendls (Ende 17. Jahrh.) sind nach der verheerenden Bombennacht im Februar 1944 noch acht Apostelfiguren übrig geblieben. Dieser “Rumpfzyklus” soll unbedingt im Kirchenraum verbleiben und eine Neuinterpretation erfahren. Waren die ursprünglich 14 Figuren in der Gestaltung des 18. Jahrhunderts im Hauptschiff der Kirche in Nischen über den Arkadenbögen in das barocke Gesamtkonzept einbezogen, so sollen nun die verbleibenden Apostel auf Stelen in acht Nischen der Seitenschiffe ihren Platz finden. Ähnlich wie in der römischen Hauptkirche St. Paul vor den Mauern umfangen die Apostel als erste Hirten der Kirche die feiernde Gottesdienstgemeinde und bilden zugleich als Missionare an den Außenwänden des Kirchenraums den Übergang zwischen sakralem Raum und Alltagsgeschehen der Stadt. Die Kirchenbesucher können durch die Seitenschiffe wandelnd zu den Aposteln aufblicken und den großartigen barocken Darstellungen dieser Heiligen begegnen.

Der Vorraum - Eingang und Übergang

Die Vorräume der Kirchen sind heute mehr denn je wichtige Orte, in denen sich der Mensch auf die Begegnung mit dem Geheimnis Gottes einstellen kann. Die vielen Sinnesreize, denen der heutige Mensch ausgesetzt ist, sollen im Vorraum der Kirche reduziert werden, so dass ein innerer Raum für die Stelle geöffnet werden kann. Der Vorraum von St. Moritz erfährt in seiner neuen Gestaltung eine Klärung, Beruhigung und eindeutige Hinführung zum Kirchenraum, zur Taufkapelle und zum Beichtraum.

Ein sprechender Raum

Mit der Neugestaltung von St. Moritz in Augsburg durch das Architekturbüro John Pawson wird der Kirchenraum als solcher zum Ausdruck für die befreiende Botschaft des christlichen Glaubens.

Die neue Lichtführung zeigt:
Gott ist Licht - ein Licht, das nicht Gegenpol zur Finsternis ist, sondern Licht und Dunkelheit umgreift.

Die Reduktion der Materialien macht deutlich:
Nicht im Vielen findet der Mensch seine Freiheit, sondern im Schauen auf das Wesentliche.

Die klare, symmetrische und anerkennende Ausrichtung des ganzen Raumes überzeugt.
Der Mensch braucht zu allen Zeiten die innere Ausrichtung auf ein Ziel, das er nicht mit eigener Anstrengung erreichen kann, sondern das ihm bereits im Hier und Jetzt entgegen kommt.

Kirchenräume bringen diese Wirklichkeit zum Ausdruck.

Newsletteranmeldung