St. Moritz - Sanierung und Neugestaltung

Theologische Raumkonzept

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St. Moritz in Augsburg – Konzept einer Neugestaltung im 21. Jahrhundert

von Helmut Haug und Mitgliedern des Kernteams
© 2009 moritzkirche Augsburg
Stand April 2009

 

 

1. Eine katholische Kirche ist von ihrem Wesen und von der Tradition her
- ein für die Feier der Eucharistie geeigneter Versammlungsraum

- sowie in ihrer Gestalt(ung) Raum für die Sehnsucht der Christen nach Leben in Fülle und nach der unverhüllten Anschauung des Reiches Gottes, die mit der Wiederkunft Jesu Christi erwartet wird.

2. Kirche ist kein Museum. Ungeachtet der zu berücksichtigenden denkmalpflegerischen Verantwortung ist es ihre vornehmste Aufgabe,  den tradierten Glauben in die Gegenwart hereinzunehmen. Dazu muss sie wissen, was den heutigen Menschen prägt, beschäftigt, ängstigt und freut.

2.1. Der moderne Mensch, der sich freiwillig und unfreiwillig in Abhängigkeiten und Zwängen aller Art befindet, soll die Offenheit und den einladenden Charakter der christl. Kirche wahrnehmen. Der Glaube ist ein Angebot zum erfüllten Leben.

2.2. Der heutige Stadtmensch, der vermehrt in virtuellen Welten lebt, soll in der Kirche zu seinen Wurzeln hinuntersteigen. Er darf aussteigen aus dem Alltag der Stadt und Kontakt zum Ursprünglichen aufnehmen.

2.3. Angesichts der von allen geforderten Flexibilität und des Endes einer in gesellschaftlicher Ordnung begründeten Sicherheit, wird das Leben der modernen Menschen wieder verstärkt als Weg angesehen. Auf diesem Weg suchen die Menschen nach Begleitung, Wegweisung und Bestärkung. Die Feier der Sakramente als Lebensbegleiter, die vielen Zeichen und die spirituellen Angebote sind ein Schatz, den der Kirchenraum erschließen helfen soll.

2.4. Im Spannungsfeld von Erfolgsdruck, Beziehungskrisen, Einsamkeit und seel./körperl. Krankheiten des Menschen unserer Tage soll im Kirchenraum Sehnsucht und damit auch neue Hoffnung aufbrechen.

2.5. Auch für den heutigen Menschen bleibt die übermächtige Frage: Was geschieht im Tod und was kommt danach? Um sich dieser Frage stellen zu können, muss er zuerst in Demut seine Hinfälligkeit und Vorläufigkeit annehmen.

3. Moritzkirche bedeutet Vielfalt in der Einheit

3.1. Die Moritzkirche hat eine beinahe 1000-jährige Geschichte, die sich nicht zuletzt auch im Gebäude manifestiert.

Sie ist Erbe, Bürde und Aufgabe zugleich:

3.1.1. Der Hohe Chor, an die alte dreischiffige romanische Basilika angebaut, ist Erinnerung an das von Bischof Brun gestiftete Kollegiat.
Diese Zweiräumigkeit kann nie ganz aufgegeben werden. Bisweilen ganz vom Schiff durch einen Lettner getrennt, oder auch mit freiem Blick zum Hochaltar in der Apsis, war der Chor immer auch Ausdruck einer ständisch/hierarchischen Gesellschafts- und Kirchenordnung. Er war allein den Kollegiatsherren vorbehalten, die aufgrund ihres Standes näher am Altar und am eucharistischen Geschehen bzw. von der Eucharistiefeier der Pfarrgemeinde getrennt waren. Distanz wurde zum Ausdruck gebracht.
Dieses Denken gehört soziokulturell seit der Säkularisation, theologisch aber spätestens seit dem 2. Vaticanum der Vergangenheit an.

Daraus ergeben sich für die Zukunft folgende Überlegungen:

3.1.1.1. Der hohe Chorbogen bleibt erkennbarer Durchgang und Übergang.
Während das Hauptschiff den Versammlungsort für die Gemeinde bereitstellt, in dem sie täglich, v.a. aber sonntags, ihren Auferstehungsglauben feiert, wird der Hohe Chor zum Raum der Verheißung, zum Ausdruck dessen, wohin die pilgernde Gemeinde (Menschheit) unterwegs ist. Er kann in Zukunft zum besonderen Sinnbild für das erwartete Reich des Lichtes und des Friedens werden, in dem die Christen von jeher ihre eigentliche Heimat sahen.
An diesem Übergang ist – wie auch am Altar – das Geheimnis Christi lokalisiert.
Durch die Botschaft von der Menschwerdung Gottes hat der Unbegreifliche ein Gesicht bekommen und gleichzeitig jedes menschliche Wesen eine unauslöschliche Würde. Jesus öffnet dem vergänglichen Menschen das Tor zum Reich des Lichtes und der Liebe. Er führt wie ein neuer Mose in das Land der Verheißung. In ihm ist es zugleich auch schon gegenwärtig. Der Schlüssel zu diesem Reich ist sein Kreuz. Dieses Geschehen wird in jeder Feier der Eucharistie präsent.
Zugleich wird es vom Kirchenraum durch seine Gestalt und in Bildern und Zeichen ausgedrückt.
Aufgrund der Inkarnationslehre hat sich die katholische Tradition für die Bilder entschieden.

3.1.1.2. Im Chor als dem Raum, in dem sich unsere Sehnsucht nach Erfüllung manifestiert, darf nicht Bildhaftes mehr den Blick verstellen. Er steht für eine transmaterialisierte oder theolog. gesprochen verklärte Wirklichkeit. Er ist ganz Warten und Hoffen. Was ihn erfüllt sind allenfalls nicht-materielle, vorübergehende Ereignisse wie Licht und Klang.

3.1.1.3. Das Christentum ist keine Arkandisziplin. Jede und jeder Getaufte hat Zugang zum Geheimnis Gottes. Deshalb ist der Chorraum nicht tabu. In ihm soll durch Menschenmund das Gotteslob erschallen, in ihm sollen nach alter Tradition Psalmen und Gebete erklingen, in ihm führen neue spirituelle Angebote Menschen zur Erfahrung des Geheimnisses Gottes, in ihm haben der Chor und die Musiker beim festlichen Gottesdienst ihren Platz.
Die Musik hatte stets größte Bedeutung für die Feier der Liturgie der Kirche. Von ihr wird gesagt, dass sie der Vorstellung von dem, was Himmel bedeuten könnte, sehr nahe käme.

So soll auch eine echte Chororgel errichtet  von werden, so dass die Gemeinde eingebettet wird in die Klangwelt, die ihr von der Westempore her den Rücken stärkt und ihr vom Ostchor entgegen kommt.

3.1.2. Das Kirchenschiff war von jeher die eigentliche Pfarrkirche. In ihm soll der Mensch, der in diesem Leben unterwegs ist, Stärkung, Trost und Halt finden durch die Feier der Eucharistie, das persönliche Gebet und die verschiedenen liturgischen Formen und Angebote, die dem heutigen Menschen entgegenkommen.

Im Kirchenschiff erfährt der Mensch die Verbindung zu seinem Leben, seine Erdverhaftung und seine Schutzbedürftigkeit. Er steigt in dieses Schiff ein, das ihm Geborgenheit und Erfahrung von Gemeinschaft vermittelt – mit der aktuellen Gemeinde, aber auch mit allen, die ihm im Glauben schon vorangegangen sind.

3.1.3. Mit dem Hauptschiff eng verbunden sind die Seitenschiffe. Die dreischiffige Basilika lädt dazu ein, gehend und wandelnd den Weg des Glaubens nachzuvollziehen bzw. zu meditieren. Die Seitenschiffe ergänzen die Funktion des Hauptschiffes. Dort empfängt der Glaubende Sakramente. Dort kann es Andachtsorte geben. Dort hat bildende und gestaltende Kunst ihren Platz – durchaus auch in wechselnden Formen.

3.2. Die Moritzkirche als Kirche mitten in der Stadt hat einen besonderen Auftrag, der über die herkömmliche Pfarrseelsorge territorialer Art hinausgeht. Nach dem Willen des Bischofs ist sie der Ort der sog. Cityseelsorge. Sie soll so „offen“ sein, dass möglichst viele Menschen einer pluralen Stadtgesellschaft dort ohne Schwellen und Vorbedingungen Zugang und Platz finden, und gleichzeitig so verbindlich, dass Suchende mit der Sprache und dem Sensorium unserer Zeit, das genuin Christliche finden können.

3.2.1. Das Kirchengebäude ist die materielle Manifestation, dass Gott mitten unter den Menschen, im Alltäglichen zu finden ist.

Es soll daher den geschützten Rahmen für die persönliche Gottesbegegnung in Gebet und Meditation abgeben, zugleich aber auch eine Öffnung hin zur Stadt zum Ausdruck bringen – selbst dann, wenn die tatsächlichen Türen geschlossen sind.

3.2.2. Verschiedene Ausdrucksformen christlicher Spiritualität, die nicht zuletzt auch aus der reichen spirituellen Tradition geschöpft werden können, kommen der Vielfalt an persönlichen Lebensentwürfen heute entgegen und erfordern eine hohe Flexibilität in der Nutzung des Gebäudes. In der Moritzkirche muss es daher Raum für das Experiment „Glauben“ geben; denn der Glaube an Gott kann nicht mehr nur vorgegeben sein, sondern er muss gefunden bzw. immer wieder neu buchstabiert werden. Frömmigkeitsformen sind im Fluss.

3.2.3. Die Moritzkirche mit dem Moritzpunkt, dem Angebot des „Offenen Ohr“ und den regelmäßigen Beichtgelegenheiten ist ein Zentrum der Begegnung im Glauben und der Gesprächsseelsorge.

Der Schatz der Versöhnung – mit sich selbst, mit dem Nächsten und mit Gott -, der v.a. im Sakrament der Buße aufleuchtet, soll in angemessenen und heutigen Räumlichkeiten weitergegeben werden.

3.2.4. Immer mehr Menschen finden im Erwachsenenalter den Zugang zur Kirche. Das Sakrament der Taufe soll einen für seine Bedeutung als Initiationsritual und Eingang in die Kirche angemessenen und deutlich sichtbaren Ort haben.

3.2.5. Die Meditation ist für viele Menschen – Christen und Nichtchristen – zum täglichen Ritual geworden. In einer Stadtkirche soll es einen Raum geben, wo diese Form gelebter Spiritualität in ihrer christlichen Ausformung praktiziert werden kann.

3.3. Die Kirche St. Moritz muss gerade in der gegenwärtigen Vielfalt von Religionen und Weltanschauungen als katholische Kirche erkennbar sein.

Deshalb sind folgende Punkte unerlässlich:

3.3.1. Der Tabernakel ist seit dem Mittelalter der Aufbewahrungsort für die Eucharistie – um diese jederzeit den Kranken bringen zu können und zur Anbetung.

Er soll einen besonderen Platz haben, jedoch nicht in Konkurrenz zum Altar stehen. Neben einer Aufstellung oder Anbringung im Kirchenschiff wird auch eine eigene Sakramentskapelle gemäß den geltenden Richtlinien empfohlen.

3.3.2. Im Leben Marias wird für den kath. Christen exemplarisch der Heilsweg, den Gott mit jedem Menschen gehen will, aufgezeigt. Als Mutter Gottes und Schwester der Menschen hat sie einen besonderen Rang in der Verehrung und Andacht.

3.3.3. Heilige Männer und Frauen zeigen zu jeder Zeit, wie Berufung gelebt werden kann. Jede Kirche hat ihre ganz bestimmten Heiligen – sei es in Bildern, Skulpturen oder Reliquien. Einen herausragenden Platz hat dabei der Kirchenpatron.

4. Die Würde des Gotteshauses und der Liturgie wird wesentlich auch von der Funktionalität der Nebenräume und des technischen Equipments getragen und gefördert.

4.1. Die technischen Anlagen wie Elektroinstallation, Licht, Beschallung und Heizung müssen auf dem neuesten Stand sein und den vielfältigen Funktionen der Moritzkirche entsprechen.

4.2. Die Sakristei soll ein Raum der Sammlung und Ruhe sein. In ihr gibt es angemessene und sichere Aufbewahrung der Vasa sacra und der Paramente.

4.3. Der Mesner benötigt Räume zur Vorbereitung und Materialaufbewahrung.

4.4. Der Kirchenraum darf nirgends den Eindruck einer „Abstellkammer“ vermitteln. Für lediglich temporär benötigte Gegenstände und Utensilien (Stühle, Podeste, Dekorationen etc.) muss es eigene, leicht zugängliche Lagerräume geben.

4.5. In einer Kirche, in der wöchentlich ca. 2000 Menschen aus- und eingehen, müssen entsprechende Toilettenanlagen vorhanden sein.

 

 

 


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