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Kirche in der Stadt - Ursprünge und neue Wege

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Die Kirchengebäude prägen die Stadt. Man kommt an ihnen kaum vorbei. Sie erzählen Geschichte und Geschichten. Wer sich darauf einlassen möchte, kann in der Begegnung mit den Kirchenräumen eigene Geschichten entdecken. Deshalb werden auch in der säkularen Welt diese Gebäude mitten in der Stadt täglich von so vielen Menschen aufgesucht. Sie kennzeichnen unverfügbaren Raum - nicht nur für den Gottesdienst, sondern auch zur Besichtigung, zur inneren Einkehr, zum Gebet, zum Schauen und Staunen.

Offene Kirchen, mit Einfühlungsvermögen gepflegt, vielleicht mit einer Person, die präsent ist, Auskunft geben kann, freundlich empfängt: das war der Anfang von Cityseelsorge in vielen deutschen Städten.

Dazu kamen dann offene Räume für Gastfreundschaft, Information und Gespräch, zum Ankommen und Ausruhen. Die Leute der Kirche sollen nicht in erster Linie als Antwortende, sondern als Zuhörende und Fragende erlebt werden. So entstand vor zwanzig Jahren der Moritzpunkt, ein Raum, der neben der Moritzkirche bis heute dem ursprünglichen Anliegen treu geblieben ist und einen festen Platz in der Stadt hat und weiterhin behalten soll.

Daneben ist festzustellen, dass die Situation von Gesellschaft und Kirche kaum mehr mit der von vor zwanzig Jahren vergleichbar ist. Die Austrittswelle ist seit Jahren ungebrochen, sie zeigt sich inzwischen erdrutschartig. Das bedeutet, dass Kirche an Relevanz verliert. Darüberhinaus hat sie aufgrund der Skandale der letzten Jahre sehr viel an Vertrauenswürdigkeit und Ansehen eingebüßt. Mit der offenen Kritik, die nicht selten noch eine Art von Beziehung zeigt, ist zugleich auch die  Bedeutungslosigkeit von Kirche für viele gewachsen.

Was bedeutet das alles für Seelsorge in der Stadt?

Neben den vorhandenen Räumen und Angeboten, braucht es eine weitere Ausrichtung, vielleicht sogar eine andere Weise des Kirche-Seins. Wenn vor zwanzig Jahren Cityseelsorge noch in erster Linie als „Passantenpastoral“ gesehen wurde, so müssen jetzt die Leute der Citykirchen selbst zu Passantinnen und Passanten werden. Dazu gibt es in vielen Städten bereits interessante Aufbrüche. Mobilität und Dialogfähigkeit könnten wichtige Schlüsselkompetenzen werden. Die dahinter steckende Haltung ist die der Bescheidenheit. Es geht nicht mehr um Kirche in ihrer institutionalisierten Form, sondern um die ganz ursprüngliche biblische Botschaft. Es geht auch nicht darum, andere in irgendeiner Art zu missionieren, sondern darum, gemeinsam zu entdecken, dass jeder Mensch den Sinn seines Lebens schon in sich trägt. Es geht um Begegnung, um Fragen, um Zuhören und Erzählen. So können neue, immaterielle Räume für das entstehen, worüber niemand verfügen kann, für das, wonach sich im letzten alle sehnen, für das, was im Grunde Sinn gibt, für das Gottesgeheimnis.

Helmut Haug

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